Freitag, 4. Februar 2011

Washingtons plötzliche Umarmung Al-Dschaziras wird nicht die vergangenen US-Verbrechen gegen das Netzwerk auslöschen

Jeremy Scahill 
Übersetzt von  Einar Schlereth 


Wenn es nicht Al-Dschazira gäbe, wäre das Meiste über die sich entwickelnde ägyptische Revolution nicht im Fernsehen gezeigt worden. Seine arabisch- und englisch-sprachigen Kanäle haben die umfassendste Berichterstattung irgendeines Senders in irgendeiner Sprache geliefert.
Trotz der Versuche des Mubarak Regimes, ihn zum Schweigen zu bringen, haben die tapferen Reporter und Kamerateams ausgehalten. Sechs Al-Dschazira-Journalisten sind am Montag kurz verhaftet worden und wurden ihrer Ausrüstung beraubt. Der Vereinigten Staaten haben schnell auf ihre Verhaftung reagiert. Das Außenministerium verlangte ihre Freilassung
„Wir sind betroffen über die Schließung von Al-Dschazira und die Verhaftung seiner Korrespondenten“, schrieb der Sprecher P. J. Crowley via Tweet, „Ägypten muss offen sein und die Reporter entlassen.“
Das Weiße Haus hat aufmerksam die Berichterstattung von Al-Dschazira über die ägyptische Revolte beobachtet. Das Netzwerk, bereits weltweit berühmt, ist jetzt in den Vereinigten Staat ein gängiger Begriff. Tausende Amerikaner – von denen haben wahrscheinlich nie zuvor den Sender gesehen – sehen Al-Dschaziras livestream im Internet und Handies. Mit einer Handvoll Ausnahmen haben die meisten US-Städte keinen Kanal, der Al-Dschazira sendet. Und zwar weil feige US-Kabelprovider sich weigern, dem Sender eine Verteilerplattform zu geben, vor allem aus Angst, als Unterstützer oder Förderer eines Netzwerks angesehen zu werden, das von US-Beamten seit Jahren in negativem Licht dargestellt wurde.
Für Leute, die der Geschichte Al-Dschaziras mit den Vereinigten Staaten gefolgt sind, ist die Tatsache, dass er nun vom Weißen Haus und dem amerikanischen Publikum als eine Kraft für Demokratie und Freiheit angesehen wird, eine ironische, manche würden sagen heuchlerische, Entwicklung. Der Kontrast zwischen Washingtons Haltung gegenüber Al-Dschazira von der Bush-Ära bis zur Obama-Präsidentschaft könnte nicht größer sein.
Während der Bush-Verwaltung widersprach nichts der absurden Behauptung der Vereinigten Staaten, im Nahen Osten Demokratie zu verbreiten, entschiedener als Washingtons pausenlose Angriffe auf Al-Dschazira, die Institution, die mehr als jede andere tat, den Würgegriff, in dem autoritäre Kräfte – ob Monarchen, Militärdiktatoren, Besatzer oder Ayatollahs - Informationen zuvor gehalten hatten, zu lockern. Doch weit entfernt zu fordern, dass seine Journalisten respektiert und aus den Gefängnissen und gesetzloser Verhaftung befreit werden, hat die Bush- Verwaltung gegen Al-Dschazira und seine Journalisten Krieg geführt.
Die Vereinigten Staaten haben 2001 seine Büros in Afghanistan zerbombt. Im März 2003 wurden zwei seiner Finanzberichterstatter aus der NASDAQ-Börse und der New Yorker Aktienbörse hinausgeworfen. „Im Licht von Al-Dschaziras jüngstem Verhalten im Krieg, wo sie Bilder von US-Soldaten brachten, die gegen die Genfer Konvention verstießen, sind sie nicht willkommen, jetzt aus unserem Hause zu berichten“, sagte der Sprecher von NASDAQ. Später nahm NASDAQ diese Behauptung zurück und sagte, dass die Akkreditierung aus „Sicherheitsgründen“ zurückgezogen worden sei.
Im April 2003 bombten US-Streitkräfte das Hotel Basra, wo Journalisten von Al-Dschazira die einzigen Gäste waren und töteten ein paar Tage später Al-Dschaziras Irak-Korrespondenten Tareq Ayoub in Baghdad. Die Vereinigten Staaten warfen auch mehrere Al-Dschazira-Reporter ins Gefängnis (auch in Guantánamo), und einige von ihnen sagen, sie seien gefoltert worden. Unter ihnen Sami al-Haj, ein Kameramann von Al-Dschazira, der sieben Jahre in Guantánamo verbrachte und mehrfach von Amerikanern verhört wurde, die versuchten, fälschlicherweise Al-Dschazira mit Al-Qaida in Verbindung zu bringen. Außer den militärischen Angriffen hat die US-unterstützte irakische Regierung periodisch Al-Dschazira von der Irak-Berichterstattung ausgeschlossen. Al-Dschazira wurde in der Tat in Irak untet sowohl Saddam Hussein und der US-gestützten Regierung verboten.
Dann berichtete Ende November 2005 der britische Daily Mirror, dass bei einem Treffen im Weißen Haus im April 2004 mit dem britischen Premier Tony Blair George W. Bush die Idee ventiliert habe, das internationale Hauptquartier von Al-Dschazira in Katar zu bombardieren. Diese Behauptung basierte auf durchgesickerten „Streng geheimen“ Notizen von dem Bush-Blair-Gipfel. Zur Zeit jenes Treffens stand die Verwaltung im Kampf mit einem gegen Al-Dschazira gerichteten öffentlichen Wutanfall auf höchster Ebene. Das Treffen fand am 16. April statt, auf dem Höhepunkt der ersten US-Belagerung von Falluja, und Al-Dschazira war eine der wenigen Nachrichtenquellen, die aus der Stadt heraus berichtete. Seine exklusiven Berichte wurden von allen Sendern vom CNN bis zum BBC übernommen.'
Die Falluja-Offensive, eine der blutigsten der gesamten US-Besatzung, war ein Wendepunkt. In zwei Wochen im April wurden dreißig Marinesoldaten getötet. Guerilleros vor Ort widerstanden den US-Versuchen, die Stadt zu nehmen. Etwa 600 Iraker starben, viele von ihnen Frauen und Kinder. Al-Dschazira sendete aus der belagerten Stadt und schickte Bilder in die Welt. LiveTV gab eindeutige Beweise, die die US-Leugnungen widerlegten, dass Zivilisten getötet würden. Es war eine Public-Relations- Katastrophe, und die USA antworteten, indem sie den Boten angriffen.
Nur wenige Tage bevor Bush die Bombardierung des Netzwerkes vorschlug, berichtete der Al-Dschazira Reporter Ahmed Mansour live aus Falluja: „In der vergangenen Nacht wurden wir von Panzern beschossen, zweimal … aber wir entkamen. Die USA wollen uns raus aus Falluja haben, aber wir werden bleiben.“ Am 9. April verlangte Washington, dass Al-Dschazira die Stadt verlässt als Bedingung eines Waffenstillstands. Das Netzwerk weigerte sich. Mansour schrieb am nächsten Tag: „US-Kampfflugzeuge bombten rund um unsere neue Stellung, und sie bombardierten das Haus, wo wir die Nacht zuvor verbracht hatten und verursachten den Tod seines Besitzers Herrn Hussein Samir. Wegen der ernsten Bedrohung mussten wir die Sendungen einige Tage unterbrechen, weil jedes Mal, wenn wir zu senden versuchen, wurden wir von den Jets entdeckt und kamen unter Feuer.“
Am 11. April erklärte der Militärsprecher Mark Kimmitt: „Die Sender, die zeigen, das Amerikaner absichtlich Frauen und Kinder töten, sind keine legitimen Nachrichtenquellen. Das ist Propaganda, das sind Lügen.“ Am 15. April echote Donald Rumsfeld diese Bemerkungen in entschieden undiplomatischen Begriffen und nannte Al-Dschaziras Berichte „boshaft, ungenau und unentschuldbar … es ist schamlos, was dieser Sender tut“.
Und den Tag darauf sprach, laut Daily Mirror Bush zu Blair von seinem Plan. „Er erklärte, er wolle Al-Dschazira in Katar und anderswo bombardieren“, erzählte eine Quelle dem Mirror. „Es gibt keinen Zweifel, was Bush tun wollte – und keinen Zweifel, was Blair nicht wollte, dass er es tue.“
Al-Dschaziras wirkliche Sünde während des „Krieges gegen den Terror“ war einfach nur dies: dort zu sein. Das ist das, was Al Dschazira heute in Ägypten tut und weshalb er für das Mubarak Regime so gefährlich ist. Obwohl kritisch, ist Al-Dschazira nicht anti-amerikanisch – er ist unabhängig. In der Tat hat er irgendwann beinahe jede arabische Regierung verärgert und wurde aus vielen arabischen Ländern rausgeworfen oder mit Sanktionen belegt (das einzige Land, über das Al-Dschazira vertretbarerweise nicht unvoreingenommen berichtet ist sein Gastland Katar).
Er war der erste arabische Sender, der Interviews mit israelischen Beamten brachte und ist wohl kaum das Sprachrohr von Al Qaida, wie die Bush-Verwaltung uns glauben machen wollte. Jetzt ist es hinreichend klar für Amerikaner, wer in der vergangenen Woche von genauen Nachrichten über die Entwicklungen in Ägypten abhängig war.
Die wahre Bedrohung, die Al-Dschazira für autoritäre Regime darstellt, ist sein nicht-embedded(eingebetteter) Journalismus. Das ist es, weshalb die Bush-Verwaltung Al-Dschazira als Bedrohung ansah und weshalb das Mubarak-Regime versucht, ihn zu schließen, und weshalb dieses Netzwerk so wichtig ist für die Entfaltung der Revolutionen im Nahen Osten. Es ist dieselbe Rolle, die das Netzwerk in der Berichterstattung über den verhängnisvollen US-Krieg in Afghanistan spielt.
Zum Teil ist Al-Dschazira deswegen akzeptabel geworden, anders als in der Bush-Ära, weil er jetzt rund um die Uhr einen englisch-sprachigen Kanal hat mit altgedienten Reportern, die vom CNN, BBC und anderen westlichen Nachrichtensendern dazukamen. Als er nur auf arabisch sendete, war es viel leichter, ihn zu dämonisieren und schlecht zu machen, weil die Kontrolle der Fakten in den Erklärungen und den Erfindungen von US-Beamten einer echten Anstrengung bedurfte.
Letzten Endes wird der wirkliche Test, ob es eine echte Veränderung in Washingtons Einstellung gegenüber unabhängigen, „unembedded“ Journalisten gibt, sich nicht um Al-Dschazira drehen sondern um etliche andere Nachrichtensender oder Journalisten. Und der Test wird nur dann echt sein, wenn die Rechte jenes Journalisten oder Senders in direktem Konflikt mit Washingtons Tagesordnung stehen.


 Danke Tlaxcala
Quelle: http://www.thenation.com/blog/158183/washington-embraces-al-jazeera
Erscheinungsdatum des Originalartikels: 31/01/2011
Artikel in Tlaxcala veröffentlicht: http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=3699 

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